Kastanienallee 85

In meine Vita steht der Satz:

»Und dann folgten wilde, verrückte und lehrreiche Jahre in einem besetzten Haus im Prenzlauer Berg. In das ich 1990 eingezogen bin, für das ich mich mächtig engagiert habe, in dem ich heute noch wohne und das natürlich nicht mehr besetzt ist. Aber das ist eine andere Geschichte.«

Diese andere Geschichte habe ich im Sommer 2017 in einer Ausstellung zusammen gefaßt und im Cafe Morgenrot gezeigt.


Graffity im Hinterhaus, 1991

Wir waren ca. vierzig junge Leute aus Ost und West, die Anfang 1990 in die teilweise leer stehenden Häuser Kastanienallee 85 und 86 einzogen und sie für besetzt erklärten.

Der zweite Hinterhof 1992

Zu diesem Zeitpunkt war die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten noch Monate entfernt. Es gab etwa hundert weitere besetzte Häuser in Berlin und die rechtlichen Zuständigkeiten waren jeweils alles andere als übersichtlich.

Beide Häuser – Kastanienallee 85 und 86 waren schon vor der Wende teilweise durch sogenannte „Schwarzbewohner“ bewohnt. Schwarzbewohner waren DDR-Bürger, die ohne staatliche Zuweisung in das Haus eingezogen waren, die Miete überwiesen und nach 3 Monaten ohne Rückmeldung der staatlichen Wohnungsverwaltung ein garantiertes Bleiberecht hatten. Einer dieser Schwarzbewohner, mein damaliger Freund, wußte sogar, wem das Haus 85 gehörte und recherchierte die Adresse.
Mit einem Beschluß der Hausplenums im Rücken schrieb ich diesen Hauseigentümern im Frühjahr 1991 einen ersten Brief und legte ein Bild vom damaligen Zustand dazu.
Diese erste Kontaktaufnahme erleichterte Vieles. Die Hauseigentümer wußten sehr früh, was mit und in ihrem Haus vor sich ging, hatten durch den Brief eine/n AnsprechpartnerIn unter uns BewohnerInnen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt kam die Berliner Stadtpolitik ins Gespräch. Der Berliner Senat, seit der deutschen Wiedervereinigung im Oktober 1990 für die gesamte Stadt zuständig, stand den massenhaften Hausbesetzungen im Ostteil der nun vereinten Stadt ausgesprochen wachsam gegenüber. Zu präsent waren die Erinnerungen an die Haus- und Straßenkämpfe in den 1980er Jahren im Westteil der Stadt. Was tun mit diesem erneuten potenziellen Konfliktherd?

Die Sanierungsprogramme aus den 1980er Jahren gab es 1990/91 noch. Die ausführenden Firmen und Kontaktpersonen auch. Also wurde beides vom Berliner Senat reaktiviert und als Möglichkeit für eine friedliche Win-Win-Situation für alle Beteiligten propagiert.
Und so kam es, daß bei uns in der Kastanienallee 85 Sanierungsträger vorstellig wurden, die als Vermittler zwischen Senat, HauseigentümerInnen und BesetzerInnen fungierten. Die im Auftrage des Berliner Senats arbeitenden Leute waren die ehemaligen HausbesetzerInnen aus den 1980er Jahren. Sie wussten aus ihrer selbst erlebten Praxis, was die Sanierungsprogramme für die verschiedenen Gruppen bedeuteten.


Sie eröffneten uns die Möglichkeit, mit finanzieller Hilfe des Berliner Senats das Haus zu sanieren, wenn:


  • die BewohnerInnen sich als juristisch eindeutige Ansprechpartnerin organisieren;

  • das Haus langfristig an diesen juristischen Ansprechpartner vermietet, verpachtet oder sonst wie übertragen wird;
  • die Bewohner 15 % der veranschlagten Sanierungssumme selbst erarbeiten;

  • die HauseigentümerInnen diesen Rahmenbedingungen zustimmen.


Auf diese Möglichkeit haben sich sowohl unsere HauseigentümerInnen wie auch wir BewohnerInnen eingelassen.

Ich muss das hier in Fettbuchstaben schreiben, denn ein gemeinsamer Vertrag war keineswegs sicher. Für die HauseigentümerInnen bedeutete es, ihren Besitz für lange Zeit in die Verwaltung von fremden Händen zu geben. Na gut – das war das Haus zwangsweise auch zu DDR-Zeiten –, aber es brachen ja neue Zeiten an. Für uns BewohnerInnen/BesetzerInnen bedeutete es eine Verantwortungsübernahme. Und ein Leben auf der Baustelle mit nicht unbeträchtlichem Arbeitseinsatz eben dort. Siehe Text Baubeginn im Hinterhaus.

Moderiert wurden die Verhandlungen durch den Sanierungsträger L.I.S.T. Lösung im Stadtteil GmbH.


Als Verein BIP e.g.V. ( das BIP steht für BesetzerInnen im Prenzlauer Berg) organisiert konnten wir 1993 einen 20-jährigen Pachtvertrag mit den HauseigentümerInnen unterzeichnen. Mit Hilfe dieses Pachtvertrags und L.I.S.T beantragten wir beim Berliner Senat 4,3 Mio DM für die bauliche Selbsthilfe.
 Von dieser gesamten Sanierungssumme, von L.I.S.T. akribisch im Voraus anhand der Bausubstanz kalkuliert, mussten wir BewohnerInnen 645.000 DM in eigener Bauleistung erbringen.

Für unser Nachbarhaus Kastanienallee 86 standen diese Möglichkeiten nicht offen. Dort gab es keine/n EigentümerIn, der ansprechbar und gesprächsbereit war. Damit gab es keine Einigung und keine Gelder. Für weitere Informationen: www.ka86.de

Der Status Quo 2021

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17 Wohneinheiten,

  • Gemeinschaftsräume im Erdgeschoß und Keller
  • 2 Gemeinschaftsdachterrassen
,
  • gesamte Nutzfläche 2146 m
  • extensiv begrünte Dächer
  • Erdgas-betriebenes Blockheizkraftwerk zur Erzeugung von Strom und Warmwasser

Das Haus wurde Anfang 2014 von den Hauseigentümergemeinschaft an eine GmbH verkauft, dessen GesellschafterInnen unser Verein BIP e.g.V. (1992 gegründet) und das Freiburger Mietshäusersyndikat sind. Damit ist das Haus der gewinnorientierten ‚Immobilienspirale‘ entzogen, denn niemand erzielt Gewinn durch die Mieteinnahmen. Die BewohnerInnen sind nach wie vor MieterInnen – niemand hat persönliches Eigentum an den Wohnungen. Alle Belange des Hauses, ob es nun eine defekte Dachrinne oder der Neubezug einer Wohnung seien, werden über das Hausplenum entschieden; dieses leitet dann die Beschlüsse zu den GmbH-GesellschafterInnen weiter.